Alfred Hohl
Aufgeregt äusserte sich Unterzeichnetem gegenüber ein Staatssekretär des auswärtigen Amts dahin, dass die Wiedervereinigung als Aufgabe schlicht und einfach 20 Jahre zu früh an Bonn herangetragen worden sei. «Wir sind noch nicht voll genug in Europa integriert und die Chancen für deutsch-nationale Aufwallungen bleiben noch viel zu reell.
Das Perpetuum Mobile, der u.a. mit Reichsauflösungen verbundenen nationalen Probleme des 19./20. Jahrhunderts, halten in Europa indessen vorderhand vor allem die Balkanstaaten in Gang, deren Grenzen seinerzeit arbiträr quer durch ethnische Räume gezogen worden waren und deshalb von Anfang an beträchtliche Brisanz versprachen. Das Gleiche gilt für die Auflösung des durch die Zaren und deren Epigonen aufgebauten sowjetischen Imperiums, das z.B. Europa und Asien, Christentum und Islam in den Klammern seiner parteibürokratischen Herrschaftsmethoden unter einen Hut zu bringen trachtete. Steht Europa nun generell ein sich-aufbäumen der u.a. in Versailles, Potsdam und Jalta zu kurz gekommen bevor?
In Hessen sollen kürzlich unbekannte national beflügelte Geister den Slogan «Ami
go home» an die Wand gemalt haben und die Presse diskutierte dort angebliche
Pläne Ministerpräsident Walter Wallmann
Wie haben aber schon anderswo berichtet, dass sich die mentale Grundeinstellung
der Deutschen, eine Art Büsserattitude verbunden mit der Bereitschaft den
Schwachen und Defavorisierten zu helfen, zum mindesten partiell geändert hat.
Man denkt hier wieder vorab deutsch, aber dem Helmut Kohl
Jacques Delors
François Mitterrand
Eine Parforcetour vom deutschen Michel zum Eurobürger. Manchmal sieht es fast so aus.
Man kann sich somit in guten Treuen fragen, warum für den eingangs zitierten
Staatssektretär im A[uswärtigen] A[mt]. die Wiedervereinigung 20 Jahre zu früh ins Haus fällt. Gibt es
hier wirklich noch nationale Territorialambitionen wie zu Zeiten der Könige von
Preussen, Bismarcks2 oder Adolf Hitler
Walter Hallstein
Franz Schönhuber
Die Nationalismus ist wohl ganz allgemein heute eher die Religion der Armen
geworden. Wütet in Kosowo, Rumänien oder Bulgarien – bald einmal vielleicht auch
in Albanien. Hier hat die deutsche Sättigung, im Umfeld des von Ludwig Erhard
Kohl mag letztlich mancherlei Ambitionen und Hoffnungen enttäuschen: so z.B. hier noch vorhandene Ansprüche auf die verlorenen Ostgebiete oder DDR-Hoffnungen auf Wohlstand durch einen automatischen Goldregen, französische Aspirationen auf ein Vorantreiben der europäischen Integration nach in Paris entworfenen Konzepten usw.
Ob somit die Wiedervereinigung 20 Jahre zu früh ins Haus fällt, ist schwer zu beurteilen. Solche Ängste basieren auf der Annahme, dass die BRD besser vorgängig unwiederruflich fest in Europa verankert gewesen wäre. Aber Revolutionen entziehen sich jedem Timing. Und ob ein von französischen Computern gesteurter Europäisierungsprozess mit auf später verschobener Wiedervereinung rationellere Resultate eingebracht hätte, vermag niemand zu sagen.
Warum nutzt eigentlich niemand Kohl’s fast täppisch liebenwürdige
Europabereitschaft? Warum verdächtigt männiglich den behäbigen Riesen aus der
Pfalz abartiger germanischer Macchiavellismen? Warum anderseits der Bonus für
den Blechtrommler Oskar Lafontaine
Falsche Politik ist in Europa oft gemacht worden. Aber Bonn liegt diesbezüglich m.E. heute nicht in der Schusslinie berechtiger Verdächtigungen. Vielleicht kam die Wiedervereinigung für die Gralshüter des europäischen Misstrauens zu früh, aber der Kanzler scheint bis anhin nicht schlecht mit den gewaltigen für ihn anstehenden Problemen fertig zu werden.
- 1
- Politischer Bericht Nr. 24 und Telegramm Nr. 97 (Empfangskopie): CH-BAR#E2010-02A#1996/400#19* (A.21.31). ↩
- 2
- Otto von Bismark (1815–1898), dodis.ch/P3822, deutscher Reichskanzler 1871–1890.↩