Franz Birrer
Heute geht die Geschichte des Staates DDR zu Ende. Die DDR wird der Bundesrepublik Deutschland «beitreten» und damit von der politischen Landkarte verschwinden.
Als ich vor drei Jahren nach Berlin kam, liess nichts darauf schliessen, dass
dieser «erste Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden» so rasch und so
vollständig untergehen würde. Erich Honecker
Innenpolitisch gab sich das Regime entspannter, als ein
Neuankömmling aus dem Westen erwartet hätte. DDR-Bürger, die man in Gaststätten
oder anderswo zufällig traf, sprachen meist sehr freimütig und hielten auch mit
kritischen Bemerkungen über die Zustände im Land nicht zurück. Die Kirchen
hatten einen sehr viel grösseren Freiraum, als in den andern sozialistischen
Ländern (Polen ausgenommen). Eine gewisse Glasnost war vor allem in der
Literatur, in Theater und Cabaret sowie beim Film festzustellen; einzelne Filme,
die vor zwanzig und mehr Jahren verboten worden waren – wie z.B. «Die Russen
kommen» von Heiner Carow
Dennoch, stalinistische Strukturen und Verhaltungsweisen bildeten
noch immer das Grundmuster der DDR. Kernstück des Stalinismus war und blieb der
Vorrang der Erich Honecker
Die Altkommunisten der
Stalinistisch waren sodann ein sozusagen flächendeckendes Spitzel- und
Informationssystem der sogenannten
«
Staatssicherheit
» und die
Gängelung und Gleichschaltung der Massenmedien. Eine Art Glasnost
gab es höchstens in der Fachpresse und in kirchlichen Presseerzeugnissen.
Tagespresse, Radio und Fernsehen blieben dagegen unter strenger Kontrolle. Im
November 1988 wurde sogar die Verbreitung der sowjetischen Zeitschrift «Sputnik»
verboten, da dem
Man kann die DDR jedoch nicht nur unter dem Aspekt der Mikhail Gorbachev
Für die grosse Masse der DDR-Bürger war der «grosse Bruder», die Sowjetunion, nie Vorbild, Massstab oder Fixpunkt des Handelns und Strebens. Eine Verbrüderung fand nie statt. Die sowjetischen Truppen in der DDR und die Bevölkerung wurden streng getrennt gehalten. Die über 400'000 Mann starken Truppen blieben Besatzungsmacht und gleichzeitig sichtbarer Garant dafür, dass die DDR fest in der engeren ��sozialistischen Gemeinschaft» eingebunden blieb.
Die älteren Generationen der DDR-Bürger schickten sich mit der Zeit
ins scheinbar Unvermeidliche und suchten sich anzupassen. Gelegentlich war man
auch stolz, es wirtschaftlich weiter als die Sowjetunion gebracht zu haben.
Solches kam sogar bei Äusserungen der DDR-Führung zu den sowjetischen
Wirtschaftsreformbestrebungen zum Ausdruck, indem Moskau hiezu viel Glück und
Erfolg gewünscht und zu verstehen gegeben wurde, dass die DDR derartige Reformen
schon längst durchgeführt habe. Dies wiederum erschreckte die jüngere und
immer ungeduldiger werdende Generation, die daraus schloss, dass sich
unter der alten
So kam es schliesslich zur grossen Flucht- oder Ausreisebewegung über die westdeutschen diplomatischen Vertretungen in Ostberlin, Prag und Warschau, sowie über die österreichisch-ungarische Grenze, nachdem diese von der ungarischen Regierung im September 1989 geöffnet worden war. Dabei spielte die Übersiedler-Politik der BRD eine ausschlaggebende Rolle. Jeder Übersiedler aus der DDR wurde seit jeher automatisch als Bundesbürger anerkannt. Er genoss nicht nur eine Vorzugsbehandlung auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt, sondern erhielt nebst dem Begrüssungsgeld auch verschiedene finanzielle Zuschüsse oder zinslose Kredite und hatte gegebenenfalls Anspruch auf Arbeitslosenunterstützung, Krankengeld und Rente, wie wenn er zeitlebens in der BRD Beiträge gezahlt hätte.
Es war wohl diese Massenbewegung, die Gorbatschow dazu bewog, am Rande der
40-Jahr-Feierlichkeiten in Ostberlin zu bemerken, dass er für weitergehende
Reformen in der DDR sei und dass die sowjetischen Truppen Gewehr bei Fuss
bleiben würden. Massendemonstrationen unter den Slogans «Wir sind das Volk» und
«Wir bleiben hier» brachten hierauf die
Wie es am 9. November zur Öffnung der Berliner Mauer und der
innerdeutschen Grenze gekommen ist, ist heute noch nicht geklärt. Die bereits
zurückgetretene Regierung Willi Stoph
Gregor Gysi
Seither hat sich die Entwicklung mehrfach beschleunigt, wobei die Beschleunigung
meist dem Druck des Volkes bzw. dem Druck der Strasse zugeschrieben wurde.
Entscheidend aber war in diesem Prozess doch wohl das Agieren von
Bundeskanzler Helmut Kohl
– Weigerung, die Privilegierung der Übersiedler nach Öffnung der Grenze abzuschaffen (das offizielle «Notaufnahmverfahren» und die finanziellen Anreize wurden erst am 1. Juli abgeschafft);
– Wiedervereinigungsrede vom 28. November mit einem 10-Punkte Programm, das mit niemandem abgesprochen worden war;
– Vorschlag (entgegen dem Rat aller Sachverständigen und Wirtschaftspolitiker)
einer Währungsunion, d.h. der Einführung der
– Forderung, Art. 23 des Bonner Grundgesetzes als «Königsweg» zur deutschen Einheit zu betrachten, d.h. «Beitritt» der DDR zur Bundesrepublik Deutschland, nicht Vereinigung oder Fusion der beiden deutschen Staaten nach Art. 146;
– Vorschlag am Abend des 13. Mai, als die
Bundeskanzler Kohl war somit nicht Promotor, sondern eigentlicher Motor der
deutschen Einheit. Er glaubte die DDR-Bevölkerung, die in erster Linie nach der
Richard von Weizsäcker
Lothar de Maizière
Oberflächliche Beobachter priesen Kohls Vorschlag einer raschen Währungsunion als genialen Streich und wiesen darauf hin, dass die Währungsreform von 1948 sehr bald einen ungeahnten Aufschwung gebracht habe. Sie übersehen jedoch, dass Währungsunion und Währungsreform nur wenig gemeinsam haben und in einem völlig andern Umfeld stattfanden bzw. stattfinden. Der persönliche Beauftragte des Bundeskanzlers für die Währungsunion bezeichnete diese als ein «historisch einmaliges Experiment», nähmlich «eine Uno-actu-Transformierung einer über 45 Jahre sozialistisch und vorher 12 Jahre nationalsozialistisch geführten Zentralverwaltungswirtschaft in eine Marktwirtschaft». Konkret heisst dies:
– die zentrale Planung wurde über Nacht abgeschafft, wodurch vor allem in der Industrie ein grosses Chaos entstand und viele Betriebe, die unter andern Bedingungen noch sanierungsfähig gewesen wären, zum Tode verurteilt wurden (bundesdeutsche und andere Investoren warten daher offenbar zu, bis sie die DDR-Betriebe zum Nulltarif erhalten können);
– die Preise wurden mit einem Schlag freigegeben (Ausnahmen bis Ende dieses Jahres: Mietzinsen, einzelne öffentliche Transporttarife und Energiepreise);
– die innerdeutschen Grenzen wurden nicht nur geöffnet, sondern abgeschafft, womit die DDR-Wirtschaft über die BRD und die EG der vollen internationalen Konkurrenz ausgeliefert wurde;
– die Agrarsubventionen bzw. die in der DDR extrem hohen Subventionen zur
Verbilligung der einheimischen Nahrungsmittel (1988: 31,9 Mia M bzw.
– mit dem Überbordwerfen der zentralen Planung gingen der öffentlichen Hand die Haupteinnahmequellen, nämlich die Abgaben der Wirtschaft, zum grossen Teil verloren, ein Steuersystem nach BRD-Muster ist erst im Aufbau begriffen, und da zudem die Finanz- und Währungshoheit mit der Währungsunion auf Bonn übergegangen ist und die Bundesregierung auf Einsparungen drängt, fehlen die gerade jetzt so dringend benötigten öffentlichen Mittel im Wohnungs- und Strassenbau, bei der Sanierung des Gesundheitswesens, in der Kultur etc. (hinzu kommt, dass die 15 Bezirke der DDR abgeschafft, die sie ablösenden fünf Länder aber erst ab 14. Oktober allmählich aufgebaut werden).
Die Wirtschaft der bisherigen DDR läuft somit Gefahr, sowohl den internen Markt, als auch den für sie bisher sehr wichtigen Markt der osteuropäischen Länder (70% des Aussenhandelsvolumens) zu verlieren. Dass sie auf westlichen Märkten im Moment nur wenig Erfolgschancen hat, steht wohl ausser Frage. Mit andern Worten, dem Gebiet der ex-DDR droht der Verlust der Produktion und der Wertschöpfung.
War der Staatsvertrag zu Schaffung einer Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion noch ausschliesslich in Bonn entworfen und diktiert worden – seine Unterzeichnung durch den damaligen DDR-Finanzminister erschien Aussenstehenden wie die Unterzeichnung einer Kapitulation –, so konnte die DDR im zweiten Vertrag, auch Einigungsvertrag genannt, offenbar einzelne spezifische Interessen der fünf neuen Bundesländer wahren und verteidigen. Dies trifft namentlich auf die Vermögensfrage (die Bodenreform vor der Gründung der DDR wird nicht rückgängig gemacht), auf Übergangsregelungen in der Abtreibungsfrage etc. sowie auf die Wirtschaftsförderung zu. Aufgrund von Artikel 28 wird das gesamte Gebiet der DDR ähnlich wie das bisherige Zonenrandgebiet Förderungsgebiet der Gemeinschafts-Aufgabe «Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur». Es gelangt dadurch in den Genuss mannigfacher Investitionssubventionen und zinsgünstiger Kredite. Man kann dies als eine Art Marshall-Plan für die bisherige DDR betrachten.
Wenn man indessen Artikel 7 des Vertrags genau liest, gewinnt man einen anderen
Eindruck. Dieser sieht vor, dass die Finanzverfassung der BRD im Prinzip auf die
beigetretenen Länder erstreckt wird. Die bisherigen Bundesländer haben sich
jedoch strikte geweigert, die neuen Länder am
Länder-Finanzausgleich und an der gleichmässigen Teilung des
Länderanteils der Umsatzsteuer beteiligen zu lassen. Über den
Länder-Finanzausgleich wollen sie erst 1994 mit sich reden lassen, und am Anteil
an der Umsatzsteuer sollen die DDR-Länder vorerst nur zu 55% des
durchschnittlichen Umsatzsteueranteils der andern Länder pro Einwohner
teilhaben. Die Folge ist, dass der Fonds «Deutsche Einheit», der ursprünglich
als Investitionsförderung gedacht war, nun zur Stopfung der Finanzlöcher der
neuen Bundesländer herhalten muss und von diesen indirekt mitfinanziert wird.
Der Hannoveraner Verfassungsrechtler Hans-Peter Schneider
Von einem allgemeinen und europäischen Standpunkt aus ist die deutsche Einheit ohne Zweifel zu begrüssen.
Die Teilung Europas, Deutschlands und Berlins ist stets eine künstliche, ja absurde Teilung und Keim von gegenwärtigen und zukünftigen Konflikten gewesen.
An unserer Grenze haben wir nun ein Land, dass binnen kurzem zur Grossmacht und
vielleicht sogar zur Weltmacht aufsteigen wird. Dieses Land ist aber im
Unterschied zu früher föderalistisch strukturiert, demokratisch gefestigt, dem
Militaristischen abhold und überdies in die EG und die
Bedenken jedoch erweckt die überstürzte Einheit Deutschlands. Sie ist nicht eine
Vereinigung, sondern eine Einvernahme der DDR durch die BRD, was u.a. daran zu
erkennen ist, dass ab morgen westdeutsche Beamte, Richter, Wirtschaftsführer
etc. in dieses Land «einmarschieren» und die DDR-Leute verdrängen werden. «Der
Preis der Einheit ist eine neue Fremdherrschaft» betitelte der Historiker Jörg Fisch
Wird der neue Staat Heimat, ja ein Zuhause für alle Deutschen werden können? Werden sich die Ostdeutschen mit ihm identifizieren können, oder werden sie sich wieder nur arrangieren, wie so viele es so lange mit der «sozialistischen Heimat DDR» getan haben? Wird eine Mezzogiornalisierung Ostdeutschlands und eine daraus beinahe naturnotwendig folgende Radikalisierung vermieden werden können? Dies sind alles Fragen, die erst in den kommenden Jahren beantwortet werden können.
Klaus Jacobi
Franz Blankart
Silvio Arioli
- 1
- Politscher Bericht:
CH-BAR#E2010-02A#1996/400#16* (A.21.31).
Kopie für
Klaus Jacobi ,Klaus Jacobi
Staatssekretär des Departements für auswärtige Angelegenheiten 1989–1992.Franz Blankart , undFranz Blankart
Silvio Arioli . Kopie direkt an die schweizerische Botschaft in Bonn und das schweizerische Generalkonsulat in West-Berlin; ebenfalls publiziert in: Die DDR aus Sicht schweizerischer Diplomaten. Politische Berichte aus Ost-Berlin 1982–1990, hrsg. von Bernd Haunfelder, Münster 2017, Dok. 93. ↩Silvio Arioli